Eine Nährlösung ist die Summe aus zwei Dingen: dem, was du zugegeben hast, und dem, was im Wasser schon drin war. Ignorierst du den zweiten Teil, misst du alles andere falsch. Die Wasseranalyse ist deshalb kein Papierkram, sondern der erste Arbeitsschritt — und sie kostet nichts: Jeder Versorger veröffentlicht jährlich Härte, Natrium, Chlorid und Hydrogencarbonat.
Der Eigen-EC des Wassers und warum er abgezogen wird
Die Leitfähigkeit misst die Gesamtmenge gelöster Salze. Destilliertes Wasser liegt nahe null, Leitungswasser nie. Calcium, Magnesium und Hydrogencarbonate aus dem Einzugsgebiet liefern bereits einen messbaren Wert — und das Messgerät kann nützliches Kalium nicht von nutzlosem Natrium unterscheiden. Für das Gerät ist beides gleich.
| Wasserquelle | Eigen-EC | Anmerkung |
|---|---|---|
| Regenwasser (sauberes Dach, Erstschwall verworfen) | 5–50 µS/cm | Praktisch mineralfrei — Calcium und Magnesium müssen zugegeben werden |
| Umkehrosmose (RO) | 5–30 µS/cm | Sauberer Start, aber ganz ohne pH-Puffer |
| Stadtwasser, weiche Region | 250–450 µS/cm | Ideal; ohne Vorbehandlung nutzbar |
| Leitungswasser in Karst- und Kalkregionen | 500–800 µS/cm | Brauchbar, aber der pH zieht ständig nach oben |
| Brunnen / eigene Quelle | 600–1500 µS/cm | Ohne Analyse nicht verwenden — Nitrat und Natrium |
| Enthärtetes Wasser (Ionentauscher) | 400–900 µS/cm | NICHT verwenden: Calcium wurde gegen Natrium getauscht |
Die Rechnung ist simpel. Salat will rund 1,2 mS/cm. Hat dein Wasser bereits 0,45 mS/cm, gibst du mit Dünger nur noch 0,75 mS/cm dazu und nicht die vollen 1,2. Wer das übersieht, fährt die Pflanze dauerhaft 30–40 % über dem Ziel — sichtbar an braunen, trockenen Blatträndern. Die Zielwerte je Kultur stehen im Text EC-Wert.
Chlor steht ab, Chloramin nicht
Chlor liegt im Leitungswasser typisch bei 0,1–0,5 mg/l. Das schadet der Wurzel nicht, stört aber die nützlichen Mikroorganismen. Freies Chlor entweicht von selbst: 12–24 Stunden im offenen Behälter, mit Sprudelstein nur 1–2 Stunden.
Chloramin ist eine andere Sache. Es ist eine Verbindung aus Chlor und Ammoniak, wird für langanhaltende Desinfektion im Leitungsnetz eingesetzt und verflüchtigt sich nicht — es bleibt tagelang stabil. Nutzt dein Versorger Chloramin (steht in der Jahresanalyse), brauchst du einen Aktivkohlefilter oder eine Dosis Ascorbinsäure, etwa 1 g auf 100 Liter. Zu beachten: Beim Abbau wird Ammoniak frei, das in die Stickstoffbilanz der Lösung eingeht.
Härte: Freund und Feind in derselben Flasche
- Calcium und Magnesium aus hartem Wasser sind Nährstoffe — bei hartem Wasser brauchst du weniger Cal-Mag-Zusatz, manchmal gar keinen.
- Hydrogencarbonat (HCO₃⁻) ist das Problem: über 150 mg/l steigt der pH nach jedem Absenken binnen eines Tages wieder an.
- Ideal sind 30–70 mg/l HCO₃⁻ — genug Puffer, damit der pH nicht springt, zu wenig, um ihn festzunageln.
- Orientierung: 1 °dH ≈ 17,8 mg/l CaCO₃. Wasser mit 8–14 °dH ist für Hydroponik völlig in Ordnung.
- Über 20 °dH lohnt das Mischen mit Regen- oder Osmosewasser — sonst verbrauchst du pH Down literweise.
Wenn dein pH täglich nach oben wegläuft, obwohl du ihn abgesenkt hast, liegt es fast nie an den Pflanzen, sondern an den Carbonaten im Wasser. Wie du das unterscheidest, steht im Text pH-Wert.
Natrium — das stille Problem im geschlossenen Kreislauf
Natrium ist der eine Parameter, bei dem du wirklich hinschauen musst. Die Pflanze nimmt es kaum auf, gleichzeitig verdunstet Wasser aus dem Tank. In einem geschlossenen System wie einem vertikalen Turm heißt das: Natrium reichert sich über Wochen an, während Kalium und Stickstoff verschwinden.
- Bis 50 mg/l Na — unkritisch für Salate, Kräuter und Blattgemüse.
- Über 50 mg/l — bei empfindlichen Kulturen (Erdbeere, Bohne, Basilikum) sichtbar als Blattrandnekrose.
- Über 100 mg/l — Natrium konkurriert an der Wurzel mit Kalium; das Wachstum bremst messbar.
- Chlorid sollte aus demselben Grund unter 50 mg/l bleiben.
Der teuerste Anfängerfehler: das System an die Enthärtungsanlage hängen. Ein Ionentauscher ersetzt Calcium durch Natrium — du bekommst genau das, was die Pflanze nicht braucht, und verlierst das, was sie braucht.
Wann sich Osmose wirklich lohnt
Eine RO-Anlage kostet 60–150 €, verbraucht 2–4 Liter Abwasser je Liter Reinwasser und braucht alle 2–3 Jahre eine neue Membran. Für einen Tank mit 40 oder 50 Litern, der alle zwei bis drei Wochen aufgefüllt wird, ist das vertretbar, aber nicht zwingend. Wechsle auf Osmose, wenn mindestens einer dieser Punkte zutrifft:
- Der Eigen-EC liegt über 0,8 mS/cm — bis zum Ziel-EC bleibt dir kaum Spielraum;
- Natrium über 60 mg/l oder Chlorid über 70 mg/l;
- Hydrogencarbonat über 200 mg/l und du verbrauchst pH Down in Litern;
- du baust salzempfindliche Kulturen an (Erdbeeren, Rucola, junge Blattgemüse).
Wassertemperatur: 18–22 °C
Warmes Wasser hält weniger Sauerstoff, und die Wurzel bekommt Sauerstoff in der Hydroponik ausschließlich über das Wasser. Deshalb ist die Tanktemperatur genauso wichtig wie der EC.
| Wassertemperatur | Gelöster Sauerstoff | Was passiert |
|---|---|---|
| 14 °C | ≈ 10,3 mg/l | Sauerstoff reichlich, aber Wachstum gebremst, Phosphataufnahme schwächer |
| 18–22 °C | 8,7–9,5 mg/l | Optimalbereich für Wurzel und Mikrobiologie |
| 24 °C | ≈ 8,4 mg/l | Grenze — Pythium (Wurzelfäule) wird aktiv |
| 28 °C und mehr | < 7,8 mg/l | Hohes Risiko: schleimige, braune Wurzeln und Geruch |
- Tank in den Schatten stellen — direkte Sonne treibt 40 Liter im Sommer über 30 °C.
- Mehr Volumen ist träger: 50 Liter erwärmen sich deutlich langsamer als 40 Liter, im Sommer ein realer Vorteil.
- Eine gefrorene 0,5-l-PET-Flasche im Tank senkt die Temperatur für einige Stunden um 2–3 °C — billige Sofortmaßnahme.
- Niemals Warmwasser aus dem Boiler zum Nachfüllen nehmen: es bringt Kupfer, Nickel und Kesselstein mit.
- Im Winter auf dem Balkon steht das Wachstum unter 12 °C praktisch still — das ist kein Defekt, sondern Physiologie.
Nachfüllen: die häufigste Falle
Es verdunstet nur Wasser — die Salze bleiben. Füllst du mit fertiger Nährlösung nach, steigt der EC Woche für Woche. Regel: mit klarem Wasser nachfüllen und erst dann düngen, wenn der EC unter das Ziel fällt. Ein kompletter Lösungswechsel gehört alle 2–3 Wochen dazu; die Routine steht im Text Turm warten.
