Entwickelt hat das Verfahren Dr. Bernard A. Kratky an der University of Hawaii in Mānoa. Seit den frühen 1990ern veröffentlichte er eine Reihe von Arbeiten zur „nicht zirkulierenden Hydroponik“ — sein Ziel war Salatanbau für Kleinbauern ohne Stromanschluss und ohne Geld für Pumpen. Herausgekommen ist der billigste Einstieg in die Hydroponik überhaupt: ein Glas, ein Deckel mit Loch, ein Netztopf und ein Liter Nährlösung.
Wie das ganz ohne Pumpe funktioniert
Zu Beginn stehen die unteren 1–2 cm des Netztopfs in der Nährlösung. Die Wurzel wächst nach unten, die Pflanze trinkt und verdunstet, der Pegel sinkt — bei Salat typischerweise 1–3 cm pro Tag, je nach Temperatur. Zwischen Wasseroberfläche und Deckel entsteht dabei eine feuchte Luftschicht.
Genau diese Schicht ist der Motor des Systems. Die Wurzel teilt sich in zwei Zonen: der untere Teil bleibt im Wasser und holt Wasser und Nährstoffe, der obere — weiße, flaumige Luftwurzeln — hängt in der feuchten Luft und nimmt Sauerstoff direkt auf. Deshalb braucht Kratky keine Luftpumpe, während ein klassisches DWC-System ohne sie binnen Tagen kippt.
Wer den Wasserstand nachträglich anhebt, ertränkt die Luftwurzeln. Sie sterben in zwei bis drei Tagen ab und die Pflanze stoppt. Der Luftspalt ist Absicht, kein Fehler.
Schritt für Schritt, mit Maßen
- Gefäß: lichtdicht, 1-l-Glas für Kräuter oder 5-l-Eimer für Kopfsalat. Durchsichtige Gefäße unbedingt mit schwarzem Klebeband oder Folie umwickeln — sonst hast du in 7–10 Tagen Algen.
- Deckel: Loch mit 50 mm Durchmesser für 5-cm-Netztöpfe, 70 mm für 7,5-cm-Netztöpfe. Mit einer Lochsäge in 20 Sekunden erledigt.
- Aussaat: Steinwollwürfel 25 × 25 mm, in Wasser mit pH 5,5 getränkt, zwei Samen pro Würfel. Salat keimt bei 18–20 °C in 3–5 Tagen, Basilikum in 5–8 Tagen.
- Umsetzen: sobald die Wurzeln aus dem Würfel kommen, meist 10–14 Tage nach Aussaat. Rundherum 1–2 cm Blähton als Feuchte- und Lichtschutz.
- Nährlösung: EC laut Tabelle unten, Start-pH 5,5–5,8. So weit auffüllen, dass die unteren 1–2 cm des Netztopfs im Wasser stehen — keinen Millimeter höher.
- Alle übrigen Öffnungen schließen — stehendes Wasser plus offenes Gefäß heißt innerhalb einer Woche Mückenlarven.
- Licht: draußen im Sommer Halbschatten, drinnen LED 12–16 Stunden täglich, für Salat rund 150–200 µmol/m²/s.
- Und dann nichts mehr. Nicht nachgießen, nicht messen, nicht rühren. Geerntet wird, wenn der Pegel fast unten ist.
Wie viel Lösung eine Pflanze braucht
Diese Zahl unterschätzen Anfänger am häufigsten. Das Gefäß muss die komplette Wassermenge für den gesamten Zyklus fassen, weil eben nicht nachgefüllt wird. Ein zu kleines Glas heißt: die Pflanze steht die letzte Woche vor der Ernte trocken.
| Kultur | Lösung pro Pflanze | Netztopf | Umsetzen → Ernte | EC (mS/cm) |
|---|---|---|---|---|
| Babyleaf, Rucola, Feldsalat | 1–1,5 L | 5 cm | 3–4 Wochen | 0,8–1,0 |
| Kopfsalat | 4–5 L | 7,5 cm | 4–6 Wochen | 1,0–1,2 |
| Basilikum, Petersilie | 3–4 L | 7,5 cm | 5–7 Wochen | 1,2–1,6 |
| Pak Choi, Mangold | 4–6 L | 7,5 cm | 5–7 Wochen | 1,2–1,4 |
| Tomate, Gurke | 25–40 L (nicht empfohlen) | 10 cm | 3–4 Monate | 2,0–2,6 |
Wo die Methode wirklich aufhört
- ⚠️ Ein Zyklus, dann Schluss. Nach der Ernte wird ausgespült und neu befüllt. Kratky ist kein System, das monatelang durchläuft.
- ⚠️ Keine Korrektur möglich. Der pH steigt im Verlauf typischerweise von 5,6 auf 6,5–7,0. Bei längeren Kulturen blockiert das die Eisenaufnahme und die jungen Blätter werden gelb.
- ⚠️ Keine Durchmischung. Die Salze schichten sich, die untere Zone hat spürbar höheren EC als die obere.
- ⚠️ Wärme ist der Feind. Über 24–25 °C Lösungstemperatur sinkt der gelöste Sauerstoff und Pythium bekommt seine Chance — die Wurzel wird braun und schleimig. Ein dunkles Gefäß in der Sommersonne erreicht locker 30 °C.
- ⚠️ Große Pflanzen gehen nicht. Eine Tomate leert 5 Liter in zwei bis drei Tagen; für eine ganze Saison bräuchte sie 30+ Liter und dauerhafte Belüftung.
Als erster Versuch und als Dauerplatz für Kräuter auf der Fensterbank ist Kratky deshalb hervorragend. Für durchgehende Ernte über die ganze Saison braucht es ein System, das zirkuliert, belüftet und Korrekturen erlaubt — etwa einen vertikalen Turm mit 32 Plätzen und 40 oder 50 Liter Tank. Das Prinzip ist dasselbe, der Unterschied ist, dass du dort ausbügeln kannst, was du falsch gemacht hast.
