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Kratky-Methode: Hydroponik ohne Pumpe und ohne Strom

Einmal befüllen, Pflanze einsetzen, bis zur Ernte nicht mehr anfassen. Wir erklären, warum die Wurzel nicht erstickt, wie viel Lösung eine Pflanze braucht und wo die Methode wirklich aufhört zu funktionieren.

Systeme7 Min.Autor: Stari Vuk
Kurz gesagt: Die Kratky-Methode ist passives DWC — Hydroponik ohne Pumpe, ohne Luftsprudler und ohne Strom. Du befüllst das Gefäß einmal, der Wasserspiegel sinkt, während die Pflanze trinkt, und im entstehenden Luftspalt bildet die Wurzel Luftwurzeln, die Sauerstoff direkt aus der Luft holen. Eine Füllung, ein Durchgang, null Pflege.

Entwickelt hat das Verfahren Dr. Bernard A. Kratky an der University of Hawaii in Mānoa. Seit den frühen 1990ern veröffentlichte er eine Reihe von Arbeiten zur „nicht zirkulierenden Hydroponik“ — sein Ziel war Salatanbau für Kleinbauern ohne Stromanschluss und ohne Geld für Pumpen. Herausgekommen ist der billigste Einstieg in die Hydroponik überhaupt: ein Glas, ein Deckel mit Loch, ein Netztopf und ein Liter Nährlösung.

Wie das ganz ohne Pumpe funktioniert

Zu Beginn stehen die unteren 1–2 cm des Netztopfs in der Nährlösung. Die Wurzel wächst nach unten, die Pflanze trinkt und verdunstet, der Pegel sinkt — bei Salat typischerweise 1–3 cm pro Tag, je nach Temperatur. Zwischen Wasseroberfläche und Deckel entsteht dabei eine feuchte Luftschicht.

Genau diese Schicht ist der Motor des Systems. Die Wurzel teilt sich in zwei Zonen: der untere Teil bleibt im Wasser und holt Wasser und Nährstoffe, der obere — weiße, flaumige Luftwurzeln — hängt in der feuchten Luft und nimmt Sauerstoff direkt auf. Deshalb braucht Kratky keine Luftpumpe, während ein klassisches DWC-System ohne sie binnen Tagen kippt.

Wer den Wasserstand nachträglich anhebt, ertränkt die Luftwurzeln. Sie sterben in zwei bis drei Tagen ab und die Pflanze stoppt. Der Luftspalt ist Absicht, kein Fehler.

Schritt für Schritt, mit Maßen

  • Gefäß: lichtdicht, 1-l-Glas für Kräuter oder 5-l-Eimer für Kopfsalat. Durchsichtige Gefäße unbedingt mit schwarzem Klebeband oder Folie umwickeln — sonst hast du in 7–10 Tagen Algen.
  • Deckel: Loch mit 50 mm Durchmesser für 5-cm-Netztöpfe, 70 mm für 7,5-cm-Netztöpfe. Mit einer Lochsäge in 20 Sekunden erledigt.
  • Aussaat: Steinwollwürfel 25 × 25 mm, in Wasser mit pH 5,5 getränkt, zwei Samen pro Würfel. Salat keimt bei 18–20 °C in 3–5 Tagen, Basilikum in 5–8 Tagen.
  • Umsetzen: sobald die Wurzeln aus dem Würfel kommen, meist 10–14 Tage nach Aussaat. Rundherum 1–2 cm Blähton als Feuchte- und Lichtschutz.
  • Nährlösung: EC laut Tabelle unten, Start-pH 5,5–5,8. So weit auffüllen, dass die unteren 1–2 cm des Netztopfs im Wasser stehen — keinen Millimeter höher.
  • Alle übrigen Öffnungen schließen — stehendes Wasser plus offenes Gefäß heißt innerhalb einer Woche Mückenlarven.
  • Licht: draußen im Sommer Halbschatten, drinnen LED 12–16 Stunden täglich, für Salat rund 150–200 µmol/m²/s.
  • Und dann nichts mehr. Nicht nachgießen, nicht messen, nicht rühren. Geerntet wird, wenn der Pegel fast unten ist.

Wie viel Lösung eine Pflanze braucht

Diese Zahl unterschätzen Anfänger am häufigsten. Das Gefäß muss die komplette Wassermenge für den gesamten Zyklus fassen, weil eben nicht nachgefüllt wird. Ein zu kleines Glas heißt: die Pflanze steht die letzte Woche vor der Ernte trocken.

KulturLösung pro PflanzeNetztopfUmsetzen → ErnteEC (mS/cm)
Babyleaf, Rucola, Feldsalat1–1,5 L5 cm3–4 Wochen0,8–1,0
Kopfsalat4–5 L7,5 cm4–6 Wochen1,0–1,2
Basilikum, Petersilie3–4 L7,5 cm5–7 Wochen1,2–1,6
Pak Choi, Mangold4–6 L7,5 cm5–7 Wochen1,2–1,4
Tomate, Gurke25–40 L (nicht empfohlen)10 cm3–4 Monate2,0–2,6

Wo die Methode wirklich aufhört

  • ⚠️ Ein Zyklus, dann Schluss. Nach der Ernte wird ausgespült und neu befüllt. Kratky ist kein System, das monatelang durchläuft.
  • ⚠️ Keine Korrektur möglich. Der pH steigt im Verlauf typischerweise von 5,6 auf 6,5–7,0. Bei längeren Kulturen blockiert das die Eisenaufnahme und die jungen Blätter werden gelb.
  • ⚠️ Keine Durchmischung. Die Salze schichten sich, die untere Zone hat spürbar höheren EC als die obere.
  • ⚠️ Wärme ist der Feind. Über 24–25 °C Lösungstemperatur sinkt der gelöste Sauerstoff und Pythium bekommt seine Chance — die Wurzel wird braun und schleimig. Ein dunkles Gefäß in der Sommersonne erreicht locker 30 °C.
  • ⚠️ Große Pflanzen gehen nicht. Eine Tomate leert 5 Liter in zwei bis drei Tagen; für eine ganze Saison bräuchte sie 30+ Liter und dauerhafte Belüftung.

Als erster Versuch und als Dauerplatz für Kräuter auf der Fensterbank ist Kratky deshalb hervorragend. Für durchgehende Ernte über die ganze Saison braucht es ein System, das zirkuliert, belüftet und Korrekturen erlaubt — etwa einen vertikalen Turm mit 32 Plätzen und 40 oder 50 Liter Tank. Das Prinzip ist dasselbe, der Unterschied ist, dass du dort ausbügeln kannst, was du falsch gemacht hast.

Häufige Fragen

Darf ich doch nachgießen, wenn die Lösung ausgeht?
Besser als vertrocknen lassen — aber nur bis 2–3 cm unter den vorherigen Pegel, damit die Luftwurzeln in der Luft bleiben. Füllst du bis oben auf, ertränkst du sie und die Pflanze stoppt. Die richtige Lösung ist ein von Anfang an größeres Gefäß.
Warum ist mein Wasser grün geworden?
Es kommt Licht an die Lösung. Algen zehren Nährstoffe und nachts Sauerstoff, außerdem ziehen sie Trauermücken an. Das Gefäß muss komplett lichtdicht sein, Deckel und Pflanzloch eingeschlossen.
Braucht Kratky einen Ausströmerstein?
Nein. Mit Luftpumpe ist es kein Kratky mehr, sondern aktives DWC — und dann musst du den Wasserstand konstant halten, statt ihn absinken zu lassen.
Wie lange darf Salat in derselben Lösung stehen?
Realistisch 4–6 Wochen. Danach driften pH und Nährstoffverhältnis so weit ab, dass das Wachstum bremst und das Risiko für Wurzelfäule steigt. Ernte, wenn der Kopf fertig ist, und warte nicht länger.